Orientierung in komplexen Bürogebäuden

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Leitsystem für ein Architektur- und Ingenieurbüro

Aborigines orientieren sich anhand von Versmaß und Takt der Lieder, die sie auf ihren Wanderungen durch die australische Wüste singen; Nomaden mittels dem Sonnenstand und der Windrichtung. Zu wissen, wo man sich gerade befindet, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Fehlen jedoch Orientierungshinweise, fühlt er sich verloren und hilflos. Besonders deutlich wird dies in komplexen Gebäudestrukturen: Eine Vielzahl von Etagen, Bereichen und Fluren bilden für den Fremden ein undurchquerbares Labyrinth. Besucher und neue Mitarbeiter verirren sich daher leicht in unbekannten Gebäuden und Bürokomplexen. Um dies zu umgehen, hat die Designagentur Kuhl|Frenzel für den Hauptsitz der pbr Planungsbüro Rohling AG in Osnabrück ein neues Leit- und Orientierungssystem entwickelt. Seit 2011 unterstützt es die Besucher, Kunden sowie Mitarbeiter auf dem Weg zwischen den einzelnen Gebäuden, Geschäftsbereichen und Räumen. Aufgrund der anspruchsvollen Gestaltung und der hohen Funktionalität des Systems ist Kuhl|Frenzel mit dem red dot design award: best of the best 2011 und dem iF communication design award 2012 prämiert worden.

Das Leitsystem für das national und international agierende Architektur- und Ingenieurbüro entstand im Zuge von Umbau- und Attraktivierungsmaßnahmen am Standort Osnabrück. Kontinuierlich wurde der Unternehmenssitz in den letzten 50 Jahren erweitert und besteht heute aus mehreren Gebäuden. Diese wurden mit Rücksicht auf den Altbestand miteinander verbunden, woraus sich eine individuelle Flurführung ergibt. In den einzelnen Gebäudeteilen sind die verschiedenen Geschäftsbereiche und Teams untergebracht, die variabel über die jeweiligen Gebäude hinaus miteinander interagieren. Durch diese Situation wird die Orientierung für Besucher zusätzlich erschwert.

Das Leit- und Orientierungssystem hilft, indem es Räume zu Zielbereichen gruppiert und unterschiedliche Funktionsbereiche miteinander verbindet. So finden Nutzer die richtigen Räume und Wege. Darüber hinaus waren die Anforderungen an das Erschließungssystem vielfältig: Funktional, individuell auf das Unternehmen angepasst und gut sichtbar sollte es sein. Gleichzeitig musste es sich flexibel an die räumliche Nutzungssituation des Unternehmens anpassen können. Das Design sollte zeitlos sein und sich sowohl in die baulichen Strukturen als auch in das bestehende Corporate Design einfügen. Ebenfalls musste die Raumgestaltung mit einbezogen werden. Diese besteht aus weißen Flächen und Glaselementen, welche die hellen, offenen Räume dominieren. Grün wurde als Akzentfarbe gesetzt. Unter Berücksichtigung des vorhandenen Raumkonzeptes wurde daher auf auffällige Schilder und Einbauten verzichtet. Verweise auf die einzelnen Geschäftsbereiche und Teams liefern maximale Hilfe bei minimalem Aufwand seitens der Benutzer.

Bewusst unbewusste Orientierung

Gute Leit- und Orientierungssysteme sind so verständlich gestaltet, dass sie kaum bewusst wahrgenommen werden und doch zum Ziel führen. Das Leitsystem der pbr AG verwendet wenige Komponenten, die es gezielt und sparsam einsetzt: Es besteht aus Leit- und Zielnavigationen. Innerhalb eines Gebäudes verweist die Leitnavigation mittels Pfeilen, Zielbezeichnungen bzw. Abteilungsnamen und den ihnen zugeordneten Kennziffern, der ID, auf die Geschäftsbereiche. Die Zielnavigation ist ebenfalls mit Abteilungsname und ID versehen und markiert das Erreichen eines Geschäftsbereichs. Die ID dient der Differenzierung der Teams innerhalb eines Bereiches. Die Zielnavigation ist keinem Raum oder Personen, sondern dem Bereich selbst zugeordnet. Somit zeichnet sie größere Einheiten aus, um auch zukünftig Flexibilität zu garantieren. Zusätzliche Variabilität ist durch die Beschaffenheit der Folie, mit der die Leitsystemelemente angebracht wurden, gegeben. Die Folierung der Leitelemente ist direkt auf Wänden, Glastüren und Schränken angebracht und leicht zu modifizieren. Aufgrund ihres geringen Materialeinsatzes ist sie nachhaltig und umweltschonend.

Bei der Konzeption des Leitsystems wurden die wichtigsten Orientierungspunkte in mehreren Analyseschritten herausgearbeitet. In der Umsetzungsphase wurden an diesen Stellen die Leitelemente angebracht und auf den Laufweg ausgerichtet. Sie sind so positioniert, dass eine genaue Zielführung in die Raumzonen entsteht.

Mit Farbe zum Ziel

Grafische Elemente, Schriftgestalt und Farbigkeit spielen in der Entwicklung von Leit- und Orientierungssystemen eine besondere Rolle: Sie sind die Vokabeln des Sys­tems. In Leitsystemen wird Farbe häufig verwendet, um große Bereiche oder zusammengehörige Gebäude zu kennzeichnen. Der Farbeinsatz ist allerdings von den Strukturen des Unternehmens – Größe, Innere Organisation, Raumgestaltung etc. – abhängig. Das Leit- und Orientierungssystem der pbr AG verfügt über ein dezentes Design, das durch ein reizvolles Farbspiel mit dem Untergrund besticht. Es stellt einen interessanten Kontrast dar, ohne seine Funktion zu verlieren. Auf das Wichtigste reduziert, lässt es sich leicht identifizieren. Silberne Navigationselemente heben sich sanft vom hellen Untergrund ab. Glasflächen sind zur verbesserten Lesbarkeit in der Regel mit weißer Folie beschriftet. Glastüren sind mit einer zusätzlichen Leitlinie versehen. Sie schützt einerseits davor, die Tür zu übersehen und gegen sie zu laufen, andererseits markiert sie die Türöffnung. Durch ihre Beschaffenheit fügen sich die Leitelemente elegant in die bereits vorhandene Raumgestaltung ein und leiten den Benutzer unauffällig.

Schrift nach Maß

Die Schrift eines Leit- und Orientierungssystems muss gut und einfach lesbar sein, in den architektonischen Kontext passen und eine hohe Identifikationskraft aufweisen. Obgleich für den Laien Schriften meist nur im Detail unterscheidbar sind, hat jede Schrift durch ihre Gestaltung eine eigene Aussage. So wie das Leitsystem sich an dem Corporate Design der pbr AG anlehnt, so orientiert sich seine Schrift am Corporate Type, der Linotype Univers 47 Condensed Light. Dies ist eine sachliche, klare und elegante Schrift. Ihre Verwendung im Leit- und Orientierungssystem dient als zusätzliches Kommunikationsinstrument des Unternehmens: Neben einer einheitlichen Außendarstellung spiegelt der Corporate Type auch die Eigenschaften der Schrift auf das Unternehmen wider.

Die Schriftgrößen wurden von den Raumgegebenheiten in Bezug auf Wand- und Raumfläche sowie Lesbarkeit abgeleitet. So groß wie nötig wurde die Schrift gewählt, damit sie zu lesen ist, aber so klein wie möglich, um ihre zurückhaltende Anmutung zu bewahren. Für die Darstellung der Leitelemente wurden die Schriftstärken Regular und Bold ausgewählt. Im Regular-Schnitt, der normalen Schriftstärke, sind die Zielbezeichnungen gesetzt. Die Kennziffern dagegen sind im Bold-Schnitt, also in fetter Schriftstärke angebracht, damit die einzelnen Teams schneller identifiziert werden können. Die Abstände der Leitelemente untereinander basieren auf dem Schriftschnitt Regular. Die Pfeil- und Linienstrichstärke ergibt sich aus der Strichstärke der Schriftgröße. Die Richtungspfeile sind im Winkel von 45° abgeknickt. Durch Verwendung der beiden Schriftstärken Regular und Bold wird Klarheit und Eindeutigkeit geschaffen. Die Beschriftungshöhe der Leitelemente leitet sich von der optimalen Lesehöhe zwischen 120 cm und 180 cm über Bodenniveau ab und ist in der Breite in einem Verhältnis von 1:3 zur Untergrundfläche mittig positioniert. Die Länge der Richtungspfeile wird nur durch räumliche Gegebenheiten wie Treppen oder Fensterrahmen begrenzt. Somit können einzelne Pfeile auch über gesamte Wandflächen laufen. Durch die kongruente, harmonische Beziehung aller Elemente zueinander ergibt sich für das Leitsystem ein reduzierter, sachlicher Gesamtstil, der sich nahtlos in die Räume und die Büroeinrichtung einfügt.

www.kuhlfrenzel.de

Lukas Balke

angenommen ich möchte zur Versorgungstechnik. Mein Gehirn scannt das Schild nach dem Wort Versorgungstechnik. aha. Gefunden.
Doch jetzt deutet ein Pfeil nach rechts einer nach links.

Um jetzt herauszufinden welcher der Pfeile für mich richtig ist, muss ich
erst einmal verstehen, was sich der Designer dabei gedacht hat:

Oben im Text habe ich das Stichwort unbewusste Orientierung gelesen.

Naja, tut mir leid, aber um zur Versorgungstechnik zu gelangen musste ich ziemlich bewusst konstruieren ...

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